Argumente

Hier sammeln wir Artikel und Argumente dafür, warum eine Öffnung der Hochschulen sozial, wissenschaftspolitisch und gesundheitlich verantwortlich und dringend geboten ist. Wenn ihr dazu Hinweise oder Anregungen habt, schreibe sie uns gerne per Mail an: kontakt@offene-hochschulen-hamburg.de


Position des studierendenWERKs BERLIN zu den Forderungen der Initiative #nichtnuronline

Das hoffentlich letzte Online-Semester müssen wir als Akteure der Berliner Hochschullandschaft deshalb jetzt nutzen, um gemeinsam über die Frage nachzudenken, wie der Hochschulbetrieb und der Campusalltag nach der Pandemie aussehen sollen. Wir im studierendenWERK sind überzeugt, dass das (akademische) Leben nach der Pandemie ein anderes sein wird als vor der Pandemie. Eine Rückkehr zum alten Hochschulbetrieb wird es wohl nicht geben. Aber welche der Veränderungen, die wir in den vergangenen drei Semester beobachtet haben, werden dauerhaft im neuen Alltag verankert bleiben? Was bedeutet das für die Studierenden und welche Unterstützung werden sie dafür von uns brauchen? Die Beantwortung dieser Fragen kann nur unter Beteiligung der Studierenden erfolgreich gelingen. Wir dürfen uns dabei nicht darauf beschränken, den Forderungen der jungen Generation Gehör zu schenken, wir müssen ihnen auch mehr Gestaltungsraum bieten. Denn wer weiß besser, was Studierende heute und zukünftig brauchen, als die Studierenden selbst? Wir laden deshalb Studierende, Hochschulen und die Politik ein, gemeinsam mit uns diese Fragen zu diskutieren und durch gemeinsames und solidarisches Handeln die Öffnung des Hochschulbetriebs zu beschleunigen.

https://www.stw.berlin/unternehmen/themen/pressemitteilungen.html


Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung:

“Genau, dieser Wert war schon immer problematisch, aber inzwischen wird er richtiggehend untauglich. Die Sieben-Tages-Inzidenz entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage. Das hat zwei Ursachen, die für sich sogar erwünscht sind. Erstens, es wird jetzt deutlich mehr getestet, das führt zu deutlich mehr Meldungen von Infektionen, die zuvor unerkannt geblieben wären. Soweit ist das gut, aber die Sieben-Tage-Inzidenz reflektiert nur die positiven Tests – und nicht, ob die Menschen auch erkrankt sind. Dazu kommt, dass der Wert nicht berücksichtigt, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind. Zweitens: Durch die Impfungen werden schwere Erkrankungen seltener, selbst dann wenn die Zahl der Infektionen nicht ganz so schnell sinkt. Man könnte beispielsweise den Inzidenzwert in die Höhe treiben, wenn man in allen Schulen täglich testen würde. Die allermeisten der so entdeckten Infektionen hätten keine Erkrankungen zur Folge. Die so gestiegene Inzidenz würde also die Behörden zwingen, Ausgangssperren, Schulschließungen und andere Maßnahmen zu treffen obwohl sich die pandemische Lage gar nicht verschlechtert hätte, also gar nicht mehr Menschen als vorher überhaupt medizinisch versorgt werden müssten. […]Wenn man es einfach halten will, um damit auch die Akzeptanz bei den Regierenden zu sichern, dann gäbe es tatsächlich einen alternativen Parameter: die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner der Herkunftsorte der Patienten. Also die Anzahl der Menschen aus einer bestimmten Region, die wegen einer schweren Covid-19-Erkrankung auf einer Intensivstation neu aufgenommen werden müssen – egal wo sich diese Station dann befindet. Dieser Wert zeigt viel stabiler die epidemische Lage an, als die bisherige Sieben-Tage-Inzidenz.”

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/infektionsschutzgesetz-111.html


Ein offener Brief von Prof. Dr. med. Detlev H. Krüger (Direktor i.R. des Instituts f. Virologie der Charité Berlin) und Prof. Dr. Klaus Stöhr (Ehem. Leiter des Globalen Influenza und Pandemievorbereitungsprogrammes der WHO Genf)

“In der Konsequenz würde die gesetzlich verbindliche Koppelung von Maßnahmen an die 7-Tages-Inzidenz der Infektionen zur Folge haben können, dass selbst dann massive Einschränkungen der Freiheitsrechte mit gravierenden Auswirkungen auf Wirtschaft, Kultur und die körperliche und seelische Gesundheit erfolgen müssten, wenn längst weniger krankenhauspflichtige Erkrankungen als während einer durchschnittlichen Grippewelle resultierten. Ein solches Szenario ist im Falle eines zunehmenden Impferfolgs durchaus realistisch und zeitlich absehbar. Die öffentlich derzeit verfügbaren Entwürfe zur Novelle des IfSG verschärfen den Mangel an Sachbezug und die Gefahr einer Verletzung der Verhältnismäßigkeit wie bereits in Bundestagsanhörungen am 12.11.2020 und 22.02.2021 erläutert [1] [2].Vorgeschlagene Alternative: Eine leicht zu bestimmende und zu kommunizierende Bemessungsgrundlage wäre die tägliche Anzahl der COVID-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen, differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung diesbezüglicher zeitlicher Trends. Dies ist nicht zu verwechseln mit der im DIVI Register derzeit berichteten „Anzahl der mit Covid-19 belegten Intensivbetten“, welche per se auch eine wichtige Information bezüglich der Versorgungslage liefert. Die Zahl intensivstationärer Neuaufnahmen kann die Dynamik des Infektionsgeschehens besser abbilden als die intensivmedizinische Belegungsstatistik[3].”

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus230263299/Ex-Charite-Chefvirologe-Offener-Brief-an-Bundesregierung.html


Die Spitze der Gesellschaft für Aerosolforschung stellt klar: Kontakt ≠ Risiko-Kontakt. Und: Öffentliche Begegnung ist gesünder als private Begegnung.

“Wer sich zum Kaffee in der Fußgängerzone trifft, muss niemanden in sein Wohnzimmer einladen. Dort ist die Einhaltung der bekannten Hygieneregeln zu erwarten, zu Hause dagegen nicht. “Wir mussten aber als Aerosolforscher die Erfahrung machen, dass die öffentliche Debatte immer noch nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand abbildet. Viele Bürgerinnen und Bürger haben deshalb falsche Vorstellungen über das mit dem Virus verbundene Ansteckungspotential. „Draußen ist es gefährlich“, so deren Eindruck nicht zuletzt aus der Berichterstattung über die von der Politik getroffenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Es werden Treffen in Parks verboten, Rhein- und Mainufer gesperrt, Innenstädte und Ausflugsziele für den Publikumsverkehr abgeriegelt. Auch die aktuell diskutierten Ausgangssperren müssen in diese Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden. Wir teilen das Ziel einer Reduzierung problematischer Kontakte in Innenräumen, aber die Ausgangssperren versprechen mehr als sie halten können. Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. Die Reduzierung problematischer Kontakte in Innenräumen gelingt deshalb nur mit überzeugenden Argumenten für einen gelingenden Selbstschutz.[…]Wenn unseren Bürgerinnen und Bürgern alle Formen zwischenmenschlicher Kontakte als gefährlich vermittelt werden, verstärken wir paradoxerweise die überall erkennbare Pandemiemüdigkeit. Nichts stumpft uns Menschen bekanntlich mehr ab als ein permanenter Alarmzustand.”

http://docs.dpaq.de/17532-offener_brief_aerosolwissenschaftler.pdf


Die Kultur leidet über Gebühr unter dem Lockdown, sind sich der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und Wissenschaftler einig. Bei einem Symposium der Stage Entertainment diskutierten sie Öffnungsstrategien. 

“Schmidt-Chanasit betonte, mit Corona-Regeln hätte man bereits seit Sommer 2020 Kulturveranstaltungen durchführen und die Sicherheit weiter erforschen können. So sei die Lüftungsanlage in der Elbphilharmonie beispielsweise exzellent. Er sagte, die Corona-Pandemie müsse auch ein Weckruf dafür sein, „wie wir in der Zukunft leben wollen, wie wir mit der Natur umgehen“. Auch müssten Gesundheitsversorgung und Prävention gestärkt werden. „Wir sind bereit, Milliarden von Euro in Aufrüstung zu investieren für einen Krieg, der vielleicht nie stattfinden wird.“ Aber in die Prävention von Epidemien sei bislang kaum investiert worden.”

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article230004655/Kultur-Symposium-Experten-fordern-sofortige-Oeffnung.html


Iphigenia Andreou und Jakob Keienburg, “Nie war die Universität geistloser”, neues Deutschland, 27.3.21

“Die Digitalisierung der Universität mit Sorge zu betrachten und darüber eine öffentliche Reflexion einzufordern, ist kein Privileg, sondern die Antwort auf die Frage, in welcher Universität Studenten in Zukunft studieren und Dozenten lehren möchten. Heinrichs Rede von der schwindenden »Erotik« der Universität verwies auch darauf, dass Geist ein »Triebbegriff« ist: Das leibliche Moment des unmittelbaren Kontakts zu bestimmten Orten und Menschen ist für das Denken und die Aneignung von Wissen nicht minder wichtig als die Möglichkeit des Rückzugs ins eigene Zimmer.”

https://www.neues-deutschland.de/amp/artikel/1150078.bildungspolitik-nie-war-die-universitaet-geistloser.amp.html?__twitter_impression=true


UN-Generalsekretär mit einem Beitrag im britischen Guardian aus dem Februar. Er spricht von einer “Pandemie der Menschenrechtsverletzungen” als Ursache der Corona-Pandemie, von der Pandemie als “Vorwand” für Menschenrechtseinschränkungen und der Verwirklichung der (demokratischen und sozialen) Menschenrechte als Fokus für die Überwindung der globalen Krise.

“Covid-19 hat bereits bestehende Klüfte, Verwundbarkeiten und Ungleichheiten vertieft und neue Brüche, darunter auch Verwerfungen im Bereich der Menschenrechte, aufgerissen. Die Pandemie hat die Verflechtung unserer Menschheitsfamilie offenbart – und des gesamten Spektrums der Menschenrechte: bürgerliche, kulturelle, wirtschaftliche, politische und soziale Rechte. Wenn eines dieser Rechte angegriffen wird, sind andere in Gefahr.Das Virus gedeiht, weil Armut, Diskriminierung, die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt und andere Menschenrechtsverletzungen enorme Fragilitäten in unseren Gesellschaften geschaffen haben. Das Leben von Hunderten von Millionen Familien wurde auf den Kopf gestellt – mit verlorenen Arbeitsplätzen, erdrückenden Schulden und steilen Einkommenseinbrüchen.[…]Das Virus infiziert auch die politischen und bürgerlichen Rechte und lässt den zivilgesellschaftlichen Raum weiter schrumpfen. Unter dem Vorwand der Pandemie haben die Behörden in einigen Ländern schwerwiegende Sicherheits- und Notfallmaßnahmen ergriffen, um abweichende Meinungen zu unterdrücken, grundlegende Freiheiten zu kriminalisieren, unabhängige Berichterstattung zum Schweigen zu bringen und die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen einzuschränken.Menschenrechtsverteidiger, Journalisten, Anwälte, politische Aktivisten und sogar Mediziner wurden inhaftiert, strafrechtlich verfolgt, eingeschüchtert und überwacht, weil sie die Reaktionen der Regierung auf die Pandemie kritisierten. Pandemiebedingte Restriktionen wurden genutzt, um Wahlprozesse zu unterlaufen und die Stimmen der Opposition zu schwächen.[…]Covid-19 hat zwei grundlegende Wahrheiten über die Menschenrechte verstärkt. Erstens: Menschenrechtsverletzungen schaden uns allen. Zweitens: Menschenrechte sind universell und schützen uns alle.Eine wirksame Antwort auf die Pandemie muss auf Solidarität und Kooperation beruhen. Spalterische Ansätze, Autoritarismus und Nationalismus machen keinen Sinn gegen eine globale Bedrohung. Da die Pandemie die Menschenrechte ins Rampenlicht rückt, bietet die Erholung eine Gelegenheit, Impulse für Veränderungen zu geben. Um erfolgreich zu sein, müssen wir unsere Ansätze einen Menschenrechtsfokus haben.”

https://www.theguardian.com/global-development/2021/feb/22/world-faces-pandemic-human-rights-abuses-covid-19-antonio-guterres


David Kellermann, “Academics aren’t content creators, and it’s regressive to make them so”, 8. März 2021

“Suddenly academics became video editors – mostly bad ones – and our students turned to YouTube, because on YouTube you can get a better explanation of the same thing (for free I might add). Universities turned from communities of learning and collaboration into B-grade content providers. This is the death march of higher education. Universities are not content providers. Somewhere along this unplanned journey we lost our way. […]The philosopher John Dewey told us that an educational experience – what he called a community of inquiry – requires a cognitive presence (the learner), a social presence (the learning community) and a teaching presence (the professor). […]Prior to the digitisation of the university experience, students sat next to one another, made friends, copied notes if they had been sick, spoke to their professor after class. Certainly, the poor practice of didactic lecturing existed, but students were part of a necessary community-by-proxy. When digital took the students away from the campus, it also it took them away from their would-be community.”

https://www.timeshighereducation.com/opinion/academics-arent-content-creators-and-its-regressive-make-them-so


Joona-Hermanni Mäkinen und Ilari Kaila, “Finnland hatte vor 10 Monaten einen patentfreien Impfstoff – aber entschied sich dagegen”, 17.4.21

“Saksela und sein Team hatten bereits im Mai 2020 einen patentfreien Covid-19-Impfstoff entwickelt, den sie in Anspielung auf das berühmte finnische Open-Source-Betriebssystem als »das Linux unter den Impfstoffen« bezeichneten. Ihre Arbeit basiert auf öffentlich zugänglichen Forschungsdaten und auf dem Prinzip, alle neuen Erkenntnisse in Fachzeitschriften zu veröffentlichen.[…] Der Druck, das nächste bahnbrechende patentgeschützte Produkt zu entwickeln, hat negative Auswirkungen auf die Forschung. Er verleitet Unternehmen dazu, ihre Erkenntnisse voreinander und vor der breiteren wissenschaftlichen Gemeinschaft geheimzuhalten – auch auf Kosten der Gesundheit der Menschen. Im Gegensatz dazu würde Forschung nach dem Open-Source-Modell multilateral und kollaborativ betrieben werden.”

https://jacobin.de/artikel/corona-impfstoff-patentfrei-finnland-moderna-pfizer-astrazeneca-impfstrategie-pharmakonzerne-kalle-saksela-seppo-yla-herttuala-kari-alitalo-biontech/


Johanna Sethe, “Einsame Stunden”, taz, 11. März 2021

“Das Studieren erschwere auch, dass die Lernräume nicht zugänglich und die Internetverbindung in einigen Wohnheimen instabil seien, sagt Asta-Mitarbeiterin Sepehrnia. Weil der Kon­takt zu Ko­mi­li­to­n:in­nen weitgehend wegfalle, fehle es an Sprachpraxis und sozialer Integration. Das Referat für Internationale Studierende fordert deshalb eine geschützte, teilweise Öffnung der Hochschulen.”

https://taz.de/Erasmus-Studierende-in-der-Pandemie/!5753552/


Dr. Frank Fehrenbach – Prof. für (italienische) Kunstgeschichte an der Uni Hamburg – mit einem aufschlussreichen Beitrag zur Demystifizierung und Kontextualisierung der “Bilder aus Bergamo”

“Wir wissen heute, warum das Militär zum Einsatz kam. Dies geschah nicht primär wegen der Zahl der Verstorbenen; solche Mortalitätsschübe sind auch bei regulären Grippewellen, deren Opferzahlen in Italien häufig erstaunlich hoch liegen, nicht unüblich. Der Schluss auf Leichenberge, die nur noch von Soldaten weggeschafft werden können, geht ebensosehr in die Irre wie die Vermutung, dass die Gruppenbegräbnisse von Holt Island – ein ebenfalls stark zirkulierendes Motiv – den Kollaps des Funeralbetriebs in New York dokumentieren. […]
Das italienische Militär wurde in der Nacht vom 18.3. in Bergamo (und danach in einigen anderen italienischen Städten) nicht eingesetzt, um überwältigend viele Leichen abzutransportieren, sondern aus Angst vor dem ‘Killervirus’. Den Angehörigen, die allesamt in strenger Quarantäne verharren mussten, war es bei Androhung drakonischer Strafen verboten, sich wie sonst üblich um ihre Verstorbenen zu kümmern. Lokale Akteure beschlossen die unverzügliche Einäscherung der Seuchenopfer. Weil normalerweise lediglich knapp die Hälfte der Verstorbenen kremiert werden, reichten die Kapazitäten des Ofens im Zentralfriedhof von Bergamo nicht aus. Die Leichen mussten also zu Friedhöfen in der Umgebung gebracht werden. Logistisch und sicherheitstechnisch war dazu anscheinend nur das italienische Heer in der Lage. Der nächtliche Transport, der dem makabren Bild die unvergleichliche Dramatik gibt, geschah vor allem, um den Vorgang so gut wie es ging zu verheimlichen. Erreicht wurde damit das Gegenteil. […]
Inzwischen hat die Stadtverwaltung den Angehörigen der unsichtbaren Toten im ‘Bild aus Bergamo’ eine üppige Rechnung für die unerbetenen Transport- und Einäscherungsmaßnahmen zukommen lassen. Man mag es für das Hoffnungszeichen einer wiederkehrenden ‚Normalität’ halten, dass sich die Hinterbliebenen sofort organisiert und Klage eingereicht haben.”

https://www.zispotlight.de/frank-fehrenbach-ueber-das-bild-aus-bergamo-oder-the-common-bond-is-the-movie-theatre/


Prof. Dr. Detlev Krüger, Vorgänger von Christian Drosten als Leiter der Virologie an der Charité in Berlin, kritisiert den Lockdown, das “Regieren mit der Angst” statt Aufklärung und fordert den massiven Ausbau des Pflegepersonals in Krankenhaus und Altenheim und insbesondere den Schutz vulnerabler Gruppen nach dem Vorbild Tübingen

“Wenn Tumorpatienten nicht mehr operiert werden können – in der ersten Welle war das nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft bei 50.000 der Fall –, wenn die Suizidrate steigt und wenn Kinder vernachlässigt werden, dann führt das zu ernst zu nehmenden Problemen. Ich hätte mir gewünscht, dass nach dem ersten Lockdown eine klare Bilanz gezogen worden wäre, welchen Schaden und welchen Nutzen die einzelnen Anti-Corona­ Maßnahmen bewirkt haben. Denn wir wollen ja alle das Gleiche: dass ein möglichst geringer Schaden für die Gesellschaft entsteht.
Der berühmte Mediziner Rudolf Virchow hat gesagt: ,,Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes.” Und genau darum geht es mir: Wenn die Bildung vernachlässigt wird, durch Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit der Wohlstand reduziert wird und Freiheitsrechte eingeschränkt werden, dann wird sich das am Ende auch auf die Gesundheit der Menschen auswirken.”

https://www.welt.de/wissenschaft/plus226284717/Ex-Charite-Virologe-Angst-ist-fehl-am-Platz.html?notify=success_subscription


Verfassungs­gerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen, 29.1.21

“Der Verfassungsgerichtshof hat betont, dass der Verordnungsgeber bei Umsetzung der von der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder ohne rechtliche Verbindlichkeit beschlossenen Maßnahmen den konkreten tatsächlichen Verhältnissen im Land Nordrhein-Westfalen hinreichend Rechnung tragen müsse. Hierzu gehörten nicht nur die Feststellung und Bewertung der aktuellen Entwicklung der Pandemie in den maßgeblichen Gebieten und die Auswertung aktueller Erkenntnisse über die Ursachen ihrer weiteren Verbreitung. Die Abwägungsentscheidung des Verordnungsgebers müsse insbesondere auch erkennbar und plausibel vom Prinzip der größtmöglichen Schonung der Grundrechte der von den Freiheits- und Teilhabeeinschränkungen Betroffenen geleitet sein. Unsicherheiten über die Ursachen der Ausbreitung des Coronavirus dürften nicht ohne Weiteres „im Zweifel“ zu Lasten der Freiheits- und Teilhaberechte aufgelöst werden. Die Zumutung konkreter Einschränkungen bedürfe umso mehr der grundrechtssensiblen Rechtfertigung, je unklarer der Beitrag der untersagten Tätigkeit zur Verbreitung des Coronavirus sei und je länger diese Einschränkung dauere.”

https://www.vgh.nrw.de/aktuelles/pressemitteilungen/2021/01_210129/index.php


Heribert Prantl, 30.1.21

“Die Grundrechte sind kein Larifari. In einem demokratischen Rechtsstaat steckt die Kraft der Hoffnung in den Grundrechten – auch und gerade in Krisenzeiten. Weil die Corona-Politik die Grundrechte zu wenig achtet, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht so groß, wie sie sein könnte. […]
Mir wird manchmal gesagt: Prantl, haben Sie sich nicht so, dann können Sie halt am Wochenende einmal nicht in die Alpen fahren. Doch darum geht es nicht. Es gibt das Grundrecht, mit anderen Menschen Kontakt zu pflegen. Das ist die Basis für Demokratie. Es gibt das Grundrecht, sich frei zu bewegen. Es gibt das Grundrecht, sich seinen Lebensunterhalt frei verdienen können. Das ist nicht ein Recht, möglichst viel Geld zu verdienen. Es ist das Recht, sich selbst um seine Existenz sorgen zu können. […]
[Frage:] Welches Grundrecht ist durch das Kontaktverbot eingeschränkt?
[Antwort:] Die Freiheit der Person, die Bewegungsfreiheit, das Recht auf Kommunikation. Die Demokratie lebt von der Überwindung der sozialen Distanz. Jetzt verordnen wir die soziale Distanz. Dies geschieht mit einer Rigorosität, die ich für gefährlich halte. Was wir brauchen, ist nicht noch mehr Härte beim Lockdown, sondern mehr Differenzierung. Das Recht auf Leben ist ein Hauptgrundrecht – natürlich. Aber die Mittel, um dieses Recht zu sichern, müssen geeignet, angemessen und erforderlich sein. Es geht um Maß und Verhältnismäßigkeit. Jetzt erleben wir, wie Politiker mit harten Maßnahmen punkten wollen, wie ein Politiker den anderen überbieten will, mit einem noch härteren Lockdown, noch härteren Maßnahmen. Die Grundrechte verpflichten: Sie verpflichten, nicht generalisierend und pauschalisierend vorzugehen, sondern differenziert. Demokratie heißt nicht, alles über einen Kamm zu scheren.”

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/heribert-prantl-ich-hoffe-dass-die-gesellschaft-aufwacht-li.136339


Der Hamburger Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit:

“Es ist zu pauschal, zu sagen, Schulen sollen öffnen oder schließen. Wir müssen beispielsweise zwischen den Altersgruppen unterscheiden: Die meisten Studien sehen gerade bei den Jüngeren ein deutlich geringeres Risiko sich zu infizieren, zu erkranken und das Virus zu übertragen. Es ist mir nicht ersichtlich, warum man relativ schnell Kitas oder Grundschulen schließt. Da riskieren wir gravierende Nebenwirkungen, ohne einen großen Beitrag zur Verbesserung der Infektionslage zu bekommen. Natürlich plädiere ich aber für eine Öffnung mit guten Hygiene- und Testkonzepten. […]
Abendblatt: Wenn wir die Impfungen weiter vorantreiben und die Risikogruppen durchgeimpft haben, gibt es wenig Argumente, den Lockdown noch weiter durchzuhalten. Warum soll ich ein Theater zumachen, wenn die Risikogruppen geimpft sind?
Schmidt-Chanasit: Wir können mit guten Hygiene- und Testkonzepten diese Bereiche tatsächlich so sicher machen, dass sie betrieben werden können und diese Konzepte auch der Infektionslage anpassen. Wenn die Infektionslage dramatisch ist, dann ist der Lockdown immer die Ultima Ratio. Er kann aber nicht zum Dauerzustand werden. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass, wenn Hygiene- und Testkonzepte streng umgesetzt und kontrolliert werden, Schließungen nicht notwendig sind.”

https://www.abendblatt.de/hamburg/article231408157/Hamburg-Corona-Virus-Mutation-Lockdown-Impfstoff-Gefahr-Schmidt-Chanasit-Virologe-Test.html


“Safer Sex” statt “No Sex”. Dr. Andreas Wulf von medico international mit Konsequenzen aus der Bekämpfung von HIV für eine gesundheitliche Strategie gegen das Virus der sozialen Ungleichheit und Corona.

“Denn der Appell an die Solidarität mit den Opfern der Pandemie muss auch die Solidarität mit denjenigen einschließen, die sich nicht in ihre Studierstube und ihre „sichere“ Paarbeziehung zurückziehen und die Pandemie scheinbar aussitzen können. Die, deren Leben nicht nur gezwungenermaßen viel auf der Straße stattfindet, deren überlebenswichtige Mobilität durch Corona-bedingte Grenz- und Polizeikontrollen eingeschränkt wird, die in diffusen Beziehungen leben und dadurch stärker von Infektionen (durchaus nicht nur mit dem Coronavirus) gefährdet sind.
Aus der AIDS-Pandemie lernen wir auch: Wir sollten und dürfen uns nicht auf das Moment der Angst verlassen, dass die hohen Infektionszahlen scheinbar so überzeugend macht. Und wir können das Thema der Angst nicht mit der Hoffnung auf „Null Infektionen“ suspendieren. Denn Angst ist der falsche Ratgeber, er stärkt die autoritären Lösungen, nicht die solidarischen. Dies ist beim „Krieg gegen den Terror“ so und so ist es beim „Krieg gegen das Virus“. Wir sagen es zwar oft, aber vergessen es auch oft wieder: Das Virus bedroht uns alle, aber nicht alle gleich. Wir sind keine Schicksalsgemeinschaft, die das „gemeinsam“ schaffen muss und kann. Das Virus vergrößert im Gegenteil wie ein Brennglas die gesellschaftliche Ungleichheit, gerade auch im Lockdown. Nicht die Arbeit ist das Problem, sondern die Prekarität der Arbeit. Wir brauchen nicht 5 Wochen Shutdown und dann geht alles weiter wie vorher. Wir brauchen dauerhaft gute Arbeitsbedingungen für essentielle Arbeit und eine gemeinsame Debatte darüber, was essentiell ist: die Niedriglohnjobs im Auslieferungszentrum bei Amazon und Co, damit der Konsumrausch trotz geschlossener Kaufhäuser funktioniert? Die prekäre, gesundheitsgefährdende Arbeit in Großschlachtereien, die aus Deutschland nach den Niederlanden den größten europäischen Fleischexporteur gemacht haben?”

https://www.medico.de/blog/corona-besiegen-18082


Von wegen Naturkatastrophe. Der Epidemiologe und Biologe Rob Wallace erklärt in diesem FREITAG-Interview, warum die Pandemie auch in ihrer Entstehung die Ursache in der kapitalistischen Produktionsweise findet.

>Das Ebola-Makona-Virus, das 2013 in Westafrika ausbrach, nennen Sie neoliberales Ebola. Warum?<
Das Virus selbst war unverändert. Aber wie brachte es das Virus, das sonst ein, zwei Dörfer außer Gefecht setzt – was schlimm genug ist – dazu, 35.000 Menschen zu infizieren und 11.000 zu töten? Guinea, Liberia und Sierra Leone, wo Ebola wütete, gehören zu den Ländern, die Strukturanpassungsprogrammen unterworfen wurden. Die zwangen sie, Ausgaben für das Gesundheitssystem zu senken und Ökosysteme für Konzerne zu öffnen. Komplexe Wälder, in denen gefährliche Pathogene eingeschlossen waren, wurden für Monokulturen plattgemacht, etwa von Palmöl. Die wenigen Wirtstiere der Pathogene, die überleben, gedeihen so bestens. Fledermäuse etwa, die Träger des Ebola-Virus. Sie siedeln auf die industriellen Plantagen um, wo es keine Konkurrenz und keine Fressfeinde gibt, vergrößern die Schnittmenge mit den Menschen und treiben die Übertragungsraten in die Höhe.
>Gibt es solche Zusammenhänge auch bei Covid-19?<
Nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 diversifizierten Investmentfirmen ihre Bestände. Goldman Sachs entdeckte den Agrarsektor und übernahm 60 Prozent der Anteile an Shuanghui Development, einem chinesischen Agrarunternehmen. Das hatte Smithfield Foods gekauft, den weltgrößten Schweinefleischproduzenten aus den USA. Umgekehrt kaufte Goldman Sachs Geflügel- und Schweinefarmen in den Nachbarprovinzen von Wuhan. Dort werden Wildtiere, die für die Stadt gefangen werden, gegen Fledermäuse gedrängt, die SARS-Stämme beherbergen. Die globalen Kapitalzyklen spielten eine grundlegende Rolle bei der Veränderung der Ökologien, aus denen die SARS-Stämme hervorgingen.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-koennen-einpacken